Ratsrede (22.06.2020) von Steffi Opitz zur Großen Anfrage „Gleichstellung in Oberhausen“

 (Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

die Große Anfrage „Gleichstellung in Oberhausen“ – viele Zahlen, aber nichts wirklich Neues.

Leider!

Frauen sind in sämtlichen Gremien und Führungspositionen unterrepräsentiert. Spiegeln die tatsächliche Mehrheit der Bevölkerung nicht wider.

Warum ist das so?

Nein – konkreter - warum ist das immer noch so?

Wir sind doch eine aufgeklärte Gesellschaft.

Voll tolerant.

Voll gleichberechtigt.

Pustekuchen!

Gleichstellung,

die Rolle von Frau und Mann

- in der Corona-Pandemie hat es sich gezeigt. Wie unter einem Brennglas sind alle Defizite der vergangenen Jahrzehnte zum Vorschein gekommen.

Alles kehrte sich nach außen,

dass wir so gleichgestellt sind, ist in sich zusammengebrochen.

Ich möchte drei wichtige Baustellen hier aufmachen.

Frauenberufe:

Die hierzulande vorherrschende Trennung des Arbeitsmarktes in typische Frauenberufe und Männerberufe (Frauen können besser mit Menschen, Männer besser mit Technik) ist mittlerweile hinreichend bekannt und belegt.

Frauenberufe sind immer noch unterbezahlt, unattraktiv und werden wenig gewertschätzt.

Doch auf einmal:

Systemrelevante Berufe haben die Frauen inne!

Kassiererin, Krankenschwester, Erzieherin.

Um 21 Uhr wurde ihnen regelmäßig mit Applaus gedankt.

Und was macht die Bundesregierung daraus? Steckt sie Milliarden in die Erhöhung der Gehälter, die Rentenvorsorge, verschafft bessere Arbeitsbedingungen oder verdoppelt sie die Urlaubstage?

Nein!

Die Lufthansa wird gerettet - völlig systemrelevant.

Die arme Autoindustrie wird bedacht.

Und es gibt noch mehr Beispiele.

Über die systemrelevanten Berufe spricht kein Mensch mehr.

Aber vielleicht können die Frauen ja zukünftig mit einem Applaus ein Flugticket kaufen oder sich mit dem erhaltenen Applaus ein neues Auto zulegen.

Denn das brauchen die Frauen leider, da der ÖPNV mit seinen schlechten Taktungen nicht in der Lage ist, diese Frauen vernünftig zur Kita zu bringen, wo sie als Hauptzuständige die Kinder abgeben, um dann weiter zum Arbeitsplatz zu pendeln.

Die Kita:

Noch so ein Problem, das unter dem Brennglas Corona mehr als sichtbar wird.

Die Gruppen sind zu groß, das Personal zu alt und generell zu wenig, die räumliche Ausstattung teilweise desolat.

Die Erzieher*innen werden in der jetzigen Öffnung der Kitas allein gelassen. Schutzmaßnahmen sind zu teuer, wie zum Beispiel ein regelmäßiger Abstrich, oder einfach nicht vorhanden, wie zum Beispiel Masken. Wochenlang hat das Personal ohne all das gearbeitet.

Und weil man mit den ganzen Missständen keinen Regelbetrieb mehr aufrechterhalten kann, kürzt man mal eben so die Betreuungszeiten.

Ich frage Sie! Wer sind die Leidtragenden?

In der Regel die berufstätigen Mütter, die, die sich mit dem Applaus ein Auto gekauft haben, um in noch kürzerer Zeit den Weg zur Kita, zum Job und zurück zu schaffen.

Und wenn nicht? Tja, dann muss man halt weniger arbeiten, hat Gehaltseinbußen und später ist die spärliche Rente noch niedriger als eh schon. Frauen trifft die Altersarmut nun mal wesentlich häufiger.

Und die ohnehin schon Gestressten und Überlasteten, die Kümmerinnen, haben bereits vor der Schließung der Bildungseinrichtungen und der ambulanten Pflege die Hauptlast der unbezahlten Care-Arbeit getragen.

Und nun also noch zusätzlich Bildung im Kitaalter, Homeschooling der Schüler*innen und die Pflege der älteren Generation.

Die Beschränkungen der Sozialkontakte und die einhergehende Isolation haben manche Familien noch mehr allein zurückgelassen. Denn man darf nicht vergessen, dass das zu Hause für einige Frauen ein gefährlicher Ort ist. Stay at home hat diese Situation verschärft. Die offiziellen Zahlen der häuslichen Gewalt sind zurückgegangen. Aber hatten die Frauen überhaupt eine Chance Hilfe zu holen?

Wie sieht unser Frauen- und Männerbild nach der Corona-Pandemie aus?

Das kann man noch gar nicht sagen. Mein Wunsch ist natürlich, dass all diese offensichtlichen Systemfehler behoben werden.

Als Kommunalpolitik sind uns in vielen Bereichen die Hände gebunden. Nichtsdestotrotz haben auch wir eine politische Meinung, die über unsere Kommune hinausgeht.

Und von daher

fordern wir, dass Frauen in all ihren Lebensrollen TATSÄCHLICH unterstützt und anerkannt werden.

Wir fordern eine angemessene Bezahlung der systemrelevanten Berufe.

Wir fordern eine bessere und eine an die Arbeitswelten angepasste Kinderbetreuung.

Wir fordern den Ausbau der Frauenberatungsstelle.

Wir fordern den Ausbau des ÖPNV, der sich ebenfalls den Arbeitswelten der Nutzer*innen anpasst.

Wir fordern, dass Führungspositionen in der Stadtverwaltung konsequent paritätisch nachbesetzt werden.

Und wir werden ja gleich erleben, ob unsere Führung der Stadt zu 100 Prozent männlich sein wird und diese Besetzung dann rein gar nichts mehr mit der Spiegelung der Wähler*innen zu tun hat.

Wenn ich alle Punkte zusammenfasse, fordern wir letztendlich eine gleichberechtigte Stadtgesellschaft, in der die Geschlechtszugehörigkeit keine Rolle mehr spielt.

 

 

Kategorie

Aktuelles